Cassegrain/RC-Systeme ganz allgemein:

  • Hier habe ich es immer wieder mit RC-Systemen und mit Cassegrain-Systemen zu tun. Bei keinem dieser Systeme klaffen
    Erwartung und Wirklichkeit so stark auseinander wie bei diesen Systemen.

    01. Wer einen 16-inch Cassegrain kaufen möchte, muß viel Geld mitbringen, weil ein optisch wirklich gutes und perfektes Zweispiegel-
    system unter 20-Kilo-Euro nicht zu haben ist. Wer trotzdem ein günstigeres Angebot findet, sollte sich nicht wundern, wenn die ver-
    sprochene Qualität nicht der tatsächlichen Qualität entspricht. Nachprüfen wird man das zunächst auch nur am Himmel, und da braucht
    man schon viel Erfahrung, wenn man über den Sterntest, die Qualität sicher einschätzten kann.

    02. Wer nur die optischen Komponenten kauft, möglichst mit Certifikat, sollte wenigstens ein Certifikat über das ganze System anfordern.
    Wenn nur die Einzelkomponenten certifiziert wurden, muß es nicht unbedingt im System auch passen.

    03. Wer die opt. Komponenten kauft, sollte sich unbedingt wenigstens den Abstand der beiden Spiegel auf Millimeter exakt mitteilen
    lassen: Ein zu kleiner Abstand von Haupt- und Sekundärspiegel erzeugt Überkorrektur, ein zu großer Abstand hingegen Unterkorrektur.
    Verlängert man bei Überkorrektur den Spiegelabstand nur um 1 mm, dann "rutscht" der Fokus um ca. 10 mm näher an den Hauptspiegel.
    Auf dieses Weise verschwindet der Fokus allmählich im Okularauszug, bzw. ist nicht mehr zugänglich für Okular und Zenit-Prisma.

    04. Wer nur die opt. Komponenten kauft (mit Certifikat) hat noch keine Garantie, daß die Bauteile ohne Astigmatismus im Tubus unter-
    gebracht werden und vor allem wird er ein Justierproblem bekommen, wobei die Hauptspiegel-Zentrierung das größere Problem ist.
    Astigmatismus im System hängt u.a. damit zusammen, weil der Hauptspiegel nicht exakt auf der Achse ist. Die diversen Collimator-
    Systeme bringen das System nur ungefähr auf die Achse. Exakt wird das erst was über den Sterntest und den Astigmatismus-Figuren.

    05. Bei fotografischer Anwendung, spielt über- oder Unterkorrektur keine so große Rolle. Die Energie verlagert sich zwar stärker in
    die Beugungsringe, das passiert aber ohnehin über die Obstruktion und wird nur dann erkannt, wenn man die Sternscheibchen-
    Durchmesser ausmessen würde. Die Sternpünktchen sind zumeist rund, und deswegen fällt das nicht auf.

    06. Koma wäre ein Fall für die Zentrierung hauptsächlich am Sekundärspiegel, wenn der Hauptspiegel exakt zentriert wurde, sollte man
    ihn in Ruhe lassen.

    07. Regelrecht verwegen ist der Wunsch, einen Cassegrain als visuelles Planeten-Gerät zu benutzen und den vollmundigen Strehl-
    Versprechungen bestimmter Hersteller/Händler zu vertrauen. Selbst wenn die Strehlwerte nachweisbar über reale Interferogramme
    eingehalten worden sind, hätte man es noch mit der Rauhheit in Form von feinen Rillen, Zonen und dergleichen zu tun. Das Streulicht
    mindert jedenfalls erst einmal den Kontrast.

    08. Im Augenblick habe ich es mit einem Fall zu tun, bei dem der Sternfreund über VIER-EINHALB-Jahren auf sein Cassegrain-System
    gewartet/reklamiert/gewartet hat. Ein Leidensweg, den er sich hätte ersparen können, wenn er gleich an den richtigen Händler/Hersteller
    geraten wäre.

    09. Ein ganz eigenes Kapitel sind die Certifikate selbst !!!
    Da wird also ein Zwiespiegel-System aus Italien mit Intelliwave, Interferometric Analysis Software, certifiziert, und da paßt das fotografische
    (seltsame) Interferogramm in keiner Weise zu den behaupteten RMS und PV-Ergebnissen. Ein Datum, eine Identifikation mit der Optik, der
    Name des Prüfers bzw. die Firma fehlen ganz. In einem anderen Fall wird nur ein synthetisches Interferogramm abgeliefert.
    Und dann landen diese "Kunstwerke" zur Interpretation bei mir, nachdem man sie erst auf mehrmalige Aufforderung hin, herausgerückt hatte.

    10. Würde man Roß und Reiter jeweils nennen, dann überziehen einen die Händler im ungünstigen Fall mir einer Klage und verkaufen weiterhin
    mit Gottvertrauen so manches Schrott-Produkt, das im Laufe der Zeit als Schnäppchen durchgereicht wird. Bei niedriger Vergrößerung merkt
    man das eben nicht gleich.

    Ergänzung aus einem ganz konkreten Fall:

    Ein Cassegrain für visuelle Planeten-Beobachtung ist erst einmal grober Unfug.
    01. Refklektierende Spiegel flächen brauchen eine Genauigkeit, die um den Faktor 4
    besser sein müssen als brechende Linsenflächen.
    02. Maksutov-Systeme schneiden deswegen am besten ab, weil man es nur mit
    Sphären zu tun hat, und da sind die Flächen noch am glattesten.
    03. Retouchen am Haupt- und Sekundärspiegel erzeugen in der Regel unruhige Flächen,
    und stören massiv den Kontrast bei visueller Beobachtung.
    04. Bei obstruierten Systemen wird immer ein Teil der Licht-Energie je nach Größe
    des Fangspiegels in die Beugungs-Ringe verlagert. Das "bläst" die Sternscheibchen
    auf und mindert das Trennvermögen von engen Doppelsternen.

    Insofern ist für die visuelle Nutzung ein Cassegrain-System auch noch mit f/13.2 eine
    falsche Wahl, unter der Voraussetzung, daß keine Überkorrektur, noch Astigmatismus
    der mehrere Ursachen haben kann und schließlich, daß das System exakt zentriert ist.

    Zieht man jedoch auch die Fotografie mit in die Überlegung mit ein, dann paßt z.B. auch
    kein f/13.2 System, weil zu lichschwach, und dann muß es ein RC-System sein, weil
    das im Feld sehr viel besser zeichnet und eine ebene Bildfläche hat.

  • ....
    10. Würde man Roß und Reiter jeweils nennen, dann überziehen einen die Händler im ungünstigen Fall mir einer Klage ... [/QUOTE]





    Hallo Wolfgang,




    sollen sie doch klagen; ist eine aeusserst effektvolle Reklame - gerade in der kleinen aber feinen Hobby-Astronomiegemeinde!


    Nicht umsonst haben sich einige Teleskop-Dealer vom Saulus zum Paulus gewandelt ... die sind ja nicht doof.


    Manches gebiert sich auch aus Anspruch und Wirklichkeit: da wird vielleicht zuviel Geld in ein ehrgeiziges Projekt gesteckt und das Endprodukt .... tja, wem soll man's noch verkaufen?


    Wenn Fakten praesentiert werden, wird sich jedes Gericht hueten, dieselben zu negieren.
    Es gibt ja auch den Verbraucherschutz.


    Letztendlich zaehlt die persoenliche Meinung, die aus Erfahrungswerten entsteht und die werde ich auch oeffentlich vertreten.


    Das hatte ich auch mit meinen beiden ZEISS-APQ's getan.
    Der Hersteller selbst handelte seinerzeit sehr positiv und offen - fuer mich als zahlenden Kunden eine gute Erfahrung.




    Freundliche Gruesse
    Juergen.

  • Hallo Wolfgang,

    mit RC-Systemen und mit Cassegrain-Systemen zu tun. Bei keinem dieser Systeme klaffen
    Erwartung und Wirklichkeit so stark auseinander wie bei diesen Systemen.
    ... 16-inch Cassegrain kaufen möchte ...


    nur mal zum mitschleifen ... ähm, -meißeln. Meinst Du hier speziell echte RC und echte Cassegrain-Systeme, oder ingesamt die unüberschaubare Vielzahl von RC bzw. Cassegrain - Ableitungen inklusive der Beiträge des Herrn Schmidt dazu?


    Grüße


    Christoph

  • Lieber Christoph,

    Quote

    Meinst Du hier speziell echte RC und echte Cassegrain-Systeme



    Ich meine nicht die Systeme als solche, sondern die neudeutsch "Performance" der tatsächlichen opt. Tuben, die als RC- oder Cassegrain-Systeme auf meiner opt. Bank landen bei einem Strehl von 0.000 weil Astigmatismus und Coma (wegen mangelnder Zentrierung), weil Überkorrektur (falscher Spiegelabstand) prinzipiell nur Licht durchlassen. D.h. die Kriterien, die man an einen APO anlegt, werden bei den Zweispiegel-Systemen in vielen Fällen nur mit Mühe erreicht, und wenn, dann kosten diese Systeme einen berechtigt stolzen Preis. In der Regel landen halt die "Krücken" bei mir zur Minimierung des Schadens.

    Lieber Jürgen,

    ein versierter Händler, wenn er denn schon lange im Geschäft ist, wird ähnlich wie beim Elch-Test seinerzeit Mercedes, aus einem anfänglichen "Schaden" am Ende einen Nutzen daraus ziehen können. Es gibt aber auch solche, die Qualitäts-Mängel an ihrem Teleskop dem Kunden in die Schuhe schieben und die Sachauseinandersetzung erst einmal scheuen. Das Beispiel hatte ich unlängst bei einem eindeutigen Produktions-Fehler, den der Händler allerdings bis heute nicht erkennen will. Allerdings muß zu seinen Gunsten
    festgestellt werden, daß seine Internetauftritte keinen großen Sachverstand vermuten lassen.