Optik OK - Fassung katastrophal

  • Optik OK - Fassung katastrophal

    Die Stunden darf man nicht verrechnen, in denen man versucht, ein unbrauchbares Teleskop in einen einigermaßen vernünftigen Zustand
    zu versetzen. Bereits vor drei Jahren hatte ich einen ähnlichen Fall. Auch hier entsprach die Fassung in keiner Weise den Genauigkeits-
    Ansprüchen des optischen Systems mit einer Toleranz von max. 0.01 mm seitlicher Versatz und Verkippung der Linsen zueinander. In der
    Auseinandersetzung mit dem Borg ED 100/640 wäre die Optik selbst nämlich OK. Der Designer kann allerdings nichts für die Realisierung
    über eine unzureichende Fassung, die keine der Genauigkeit-Ansprüche erfüllt - leider.

    Das Borg ED landete als Reklamations-Fall wie so oft auf meiner opt. Bank, und sofort war klar, daß die Linsen zueinander kräftig verkippt waren.
    Eigentlich müßte man nun dafür eine neue Fassung drehen. Egal wie man es dreht und wendet, man steckt in das Optimierungs-Abenteuer jede
    Menge an Arbeitszeit hinein, die man nie in Rechnung stellen kann im Verhältnis zum Verkaufs-Preis, den der Sternfreund bezahlt hat . . . :whistling



    Die erste Verblüffung ereilte mich, als ich weder PLättchen, noch einen Distanz-Ring, dafür aber ganze sieben dünne Folien-Ringe als "Distanz-Ring"
    fand, die zusammen einen Betrag von 1.75 mm ausmachten. Damit war klar, daß nur im allergünstigsten Glückfall das Objektiv richtig zentriert gewesen
    sein konnte, ansonsten hat man eine signifikante Koma vor sich und das Teleskop läßt sich nicht mehr scharfstellen. Im Laufe der Auseinandersetzung mit
    dem Problem wurde schnell klar, daß die erforderliche Genauigkeit der Optik im Bereich 0,01 mm von der Fassung nicht erfüllt wird, die ihrerseits locker
    mit 0.3 mm Toleranz aufwarten kann: Der Durchmesser der Linsen zur Fassung spielt mit 0.3 mm. Die seitliche Phase an der 1. Linse innen ist mit 1.0 mm
    viel zu groß. Damit wird die Auflage-Fläche für die Distanz-Ringe mit 0.8 mm zu schmal, besonders deswegen, weil die 7 Folien-Ringe sich unkontrolliert
    in der Fassung bewegen. Die Folien-Ringe liegen auch undefiniert auf der konvex-Fläche der zweiten Linse auf: Jeder seitliche Linsen-Versatz führt
    sofort zu einer Verkippung der Linsen und damit erneut zu einem Zentrierfehler (Koma).
    Leider ist der Hersteller irgendwo in Fernost - und verkauft ist offenbar verkauft. Wer trägt nun das Risiko?



    Die Auflage-Situation eines Distanz-Ringes ist also äußerst seltsam definiert: Die erste Linse hat noch eine geschliffene Auflagefläche,
    bei der zweiten Linse steht nur die Konvexfläche zur Verfügung. Der Meßschieber zeigt jeweils den Ort der Auflage-Möglichkeit.



    Nochmals die Darstellung in einer Zeichnung und zugleich eine Lösung, die noch vertretbar ist. Würde man es ganz genau haben wollen, müßte man
    jede der beiden Linsen auch noch seitlich mit je zwei Schrauben x 3 auf 120° vom Umfang fixieren. Damit hat man aber die thermischen Probleme auch
    noch nicht im Griff, und bei - 20° unter Null käme vermutlich noch ein Astigmatismus hinzu.



    Die signifikante Zentrier-Koma muß also "rauszentriert" werden unter den mißlichen Bedingungen dieser Fassung. Das seitliche Linsen-Spiel muß nach Möglichkeit
    auf 0.1 mm verkleinert werden, was prinzipiell immer noch zu groß ist.



    Ein Glück, daß der Sternfreund ebenfalls in einem Metall-Beruf tätig ist, und so lieferte er mir einen Distanz-Ring ab, mit dem man dem Problem zu Leibe
    rücken konnte. Die über die Folien-Ringe gemessene Distanz von 1.75 mm stimmt deshalb für einen Alu-Ring deswegen nicht mehr, weil dieser sich
    nicht der Konvex-Fläche der zweiten Linsen anpaßt, sondern nur mit seiner Innenkante berührt. Aus diesem Grund schliff ich diese auf einer anderen
    Konvexfläche erst ein wenig ein.



    Der richtige Abstand muß deshalb wieder gesucht werden: Ohne Distanz-Ring wäre das System zunächst deutlich überkorrigiert. Damit wird klar,
    daß ein zu geringer Linsenabstand zur Überkorrektur, ein zu großer Abstand zur Unterkorrektur führt, was sich mit einem Ronch-Test sehr gut
    überprüfen läßt. Bei 1.75 mm fing ich an, bei 1.45 mm hatte ich dann das Optimum erreicht. Dazwischen messen, feilen, messen, feilen, messen,
    immer mit einer Toleranz von nur 0.01 mm, die prinzipiell noch geringer ist. Mehr kann aber der Meßschieber nicht.



    Allmählich nähert man sich dem Optimum - zwei Tage sind schon ins Land gegangen - und damit läßt sich abschließend der jetzige Zustand darstellen.





    Mit PV L/6.1 wird man den Astigmatismus nicht mehr wahrnehmen, die sphärische Aberration ist auf PV L/17 geschrumpft, lediglich die
    Koma liegt bei einem Wert von PV L/3.3, was man im Normalfall auch nicht mehr wahrnimmt. Aber den Strehlwert drückt: Beugungs-
    begrenzt ist das Objektiv aber in jedem Fall. Ohne diesen Zentrierfehler wäre man allerdings bei stolzen 0.955 Strehl. Nur der fällt dem
    Eigenleben einer unzureichenden Objektivfassung zum Opfer - leider.



    Auch die PSF-Darstellung läßt sich sehen



    und zuletzt das Ergebnis meiner Bemühungen, aus diesem Borg ED doch noch ein brauchbares Teleskop zu machen. Mehr iss nich. :whistling

  • Hallo Wolfgang,


    Dankeschön für Deine Bemühungen und die daraus resultierenden interessanten Informationen!


    Schade daß Borg mit so wenig Sorgfalt die Fassungen hinschludert.
    Wenn ich das mit deren Preisliste vergleiche, ist dieses Fabrikat von meiner Wunschliste gestrichen.
    Borg war wegen des geringen Gewichts und Angebots mit kleinen Optiken für mich stets eine interessante Alternative gewesen.
    Du weisst, ich bin ein "Weitwinkelbegeisterter."

  • Hallo Gerd,

    aus zuverlässiger Quelle erfuhr ich, daß dort ebenfalls zwei dieser Objektive mit ähnlichen Merkmalen aufgetaucht sind - nur repariert wurden sie nicht,
    das dauert nämlich ziemlich lang.

  • Hallo Wolfgang,


    liegt das Problem nur in der Fassung bzw. den Abstandsringen oder müssten tatsächlich die Auflageflächen der Linsen anders gefertigt werden?


    Und, was ich nicht verstehe, ist folgendes. Wenn die Linsen gut sind, und die Fassung schlecht, müsste doch selbst dem fernöstlichsten Hersteller aufgefallen sein, dass er viel Geld für gute Linsen ausgibt und er trotzdem eine hohe Streuung in der Qualiät bekommt. Er könnte dann a) preiswertere Linsen verbauen oder b) die Fassung verbessern - aber es würde doch von keiner Seite aus Sinn machen, so weiterzubauen?


    Grüße


    Christoph

  • Hi Christoph


    als ehemaliger Borg Importeur neben Tele-Optik durch damals Kasai ( wir habens beide aufgegebene wegen diesen Problemen) kann ich euch folgendes sagen.
    Angeblich werden die Optiken von Borg heute bei Pentax gefertigt. Tommy, Großbesitzer von BORG ist ein großer Spielzeughersteller in Japan. Ich habe damals in den Neunziger BORG besucht .
    Borg konnte bereits damals keine Fassungen bauen, hatte schon damals die Plastikdistanzringe und seitliche Schrauben die die Optiken verspannten statt Zentrierten.


    Scheint so das die in den vergangenen 15 Jahren nichts dazu gelernt haben, weswegen BORG wohl bis Tag heute keinen Markt gefunden hat.


    Kasai hat damals ebenfalls mit BORG aufgehört da er fast alles zurück geschickt bekam.


    Lediglich ab und an gab es BORG 76 und 100 die tatsächlich gut zentriert waren und blieben, warum auch immer

  • Markus nennt das Kind noch etwas deutlicher beim Namen.

    Das System ist ein ED Glas, also ein Halb-APO, was man bereits am Foucault-Test sehen kann. Wenn die zwei Linsen exakt zueinander zentriert sind,



    kann man mit diesem Teleskop durchaus etwas anfangen unter den opt. Bedingungen. Dabei sind aber bei der Verkippung mindestens 0.01 mm und
    weniger einzuhalten, weil sofort die Zentrier-Koma den Strehlwert drückt, in unserem Fall auf ca. 0.83, also durchaus noch beugungsbegrenzt. Das
    seitliche Spiel der Linsen zur Fassung mit 0.3 mm und die Tatsache, daß die beiden Linsen-Durchmesser nicht identisch sind, erschwert die Sache
    zusätzlich. Man kann also tatsächlich für 532 nm wave einen Strehlwert von mindestens 0.96 "hinzaubern", aber wirklich nur dann, wenn die Fassung
    mitspielt. Die beiden Linsen würden das hergeben.
    Deshalb muß die Distanz der Linsen ganz exakt definiert sein. Bei der ersten Linse innen wäre das der geschliffene Auflagen-Ring, bei der zweiten
    Linse lediglich die Konvex-Fläche. Folien-Ringe passen sich zwar etwas an, sind aber unbrauchbar. Verwendet man Distanz-Plättchen, dann sind die
    mit 1.75 mm vergleichsweise dick, und wenn Fassung zuviel Spiel hat, dann genügt bereits ein kleiner seitlicher Versatz, und die beiden Linsen sind
    verkippt: Wegen der Konvex-Fläche. Deshalb ist ein ALU-Distanzring noch die beste Lösung und der Versuch, das Durchmesser-Spiel durch Klebes-
    treifen zu verringern. Hat man nämlich das Objektiv soweit zentriert, dann führt das Restspiel immer noch zu Zentrierkoma, das man durch seitliches
    Klopfen beeinflussen kann. Erst wenn man den Schraubring moderat festzieht, wäre das System arretiert. Alles in allem schlicht unmöglich.

    Deshalb unterscheide ich deutlich zwischen den Linsen selbst und der Fassung, die nicht paßt.

    Es gibt z.B. in Italien eine Firma, die LZOS Optiken verbaut. Leider aber so, daß es der hohen Qualität der Optik nicht gerecht wird. Das ist ein so ähnliches Beispiel.