Astronomie beginnt mit dem bloßen Auge

  • Die häufigste Anfängerfrage in Foren ist die nach dem passenden Fernrohr, welches vor allem preisgünstig sein soll. Es kommen dann Gegenfragen nach Beobachtungsvorlieben, die ein Neuling natürlich nicht beantworten kann.


    Ich möchte alle Urania-Jünger ermutigen, ihre Himmelsspaziergänge mit dem freien Auge zu beginnen und diese Zeit parallel zu benutzen, um mehr Klarheit in der Instrumentenwahl zu gewinnen. In den vielen Jahrzehnten, in denen ich für Astronomie interessiere, waren mir viele eindrucksvolle Beobachtungserlebnisse vergönnt. Zu den herausragenden davon gehören Himmelsanblicke mit dem freien Auge.


    Im März 1996 beobachtete ich zum ersten Mal den Kometen Hyakutake unter einigermaßen guten Bedingungen: Der Mond war zwar schon 6 Tage alt, aber die Luft war sehr transparent. Ich bin mit dem Fahrrad zu einem ländlichen Beobachtungsort geradelt. Das war damals noch einfacher als heute – die Stadt hat sich ausgedehnt. Der Anblick war überwältigend. Eine riesengroße Koma und ein Schweif, der über den halben Himmel ragte! Ich lege meine damalige Skizze bei, die zahlreiche Mängel hat, man beachte die seltsame Schweifform. Aber das Wichtigste ist zu entnehmen: Der Schweif zog sich durch mehrere Sternbilder. Als ich das sah, konnte ich besser verstehen, wieso die Menschen vor einigen Jahrhunderten an den Weltuntergang glaubten und hastig ihr Vieh schlachteten.


    Vielleicht das größte Erlebnis war es, als ich das erste Mal ein bedeutendes Nordlicht beobachten konnte. Wie viele andere Astronomen in Deutschland war ich am 6. April 2000 aufs Land gefahren, um die Konjunktion zwischen Mond, Mars, Jupiter und Saturn zu sehen. Außerdem standen einige Galaxien auf dem Beobachtungsprogramm. Völlig unvermittelt sah ich diese gewaltigen Lichtsäulen über dem Nordhorizont, in ständiger Bewegung, bis in den Zenit reichend. Viele Stunden habe ich einfach nur begeistert hingeschaut. Jetzt zu den Zeiten der aktiven Sonne ist die Chance für Polarlichtsichtungen wieder gegeben, also: Augen offenhalten!


    Eine andere freisichtige Beobachtung dient als Einleitung in meinem Anfängerbuch:
    Für den Außenstehenden sind der Astronom und sein Fernrohr untrennbar. Dies ist eine verschobene Vorstellung - Astronomie beginnt mit dem bloßen Auge. Eine meiner eindrucksvollsten Beobachtungen nahm ich ohne Hilfsmittel wahr: Mitte August passiert die Erde jedes Jahr die Reste des Kometen Swift-Tuttle. Beim Durchqueren dieser Staubwolke verglühen Teilchen in der Atmosphäre und es gibt viele Sternschnuppen. Für den 11. August 2004 wurde vorhergesagt, daß die Erde für eine halbe Stunde einen schmalen Schlauch mit besonders vielen Staubteilchen passieren würde. Ich fuhr mit meiner Frau unter den dunklen Himmel der Dübener Heide. Wir lagen auf unseren Iso-Matten und sahen in den Himmel. Es roch nach Heu. Gelegentlich sahen wir eine schwächere Sternschnuppe. Mit einem Mal ging es los: Ein Bolide nach dem anderen, in jeder Minute mehrere. Grüne Nachleuchtspuren! Ein richtiger Sternschnuppensturm. Nach einer Viertelstunde war alles so schnell vorbei, wie es begonnen hatte. Wir konnten mit eigenen Augen sehen, wie die Erde den 'dust trail' passiert hatte.


    Nach so vielen astronomischen Beobachtungsjahren gibt es wenig wirklich Neues zu finden. Aber bis 2006 hatte ich das Zodiakallicht noch nie gesehen. Für den Morgen des 19. Novembers war eine stärkere Aktivität der Leoniden (eines Meteorstroms) vorausgesagt worden. Ich stand unter einem klaren Mittegebirgshimmel und schaute mir eine Stunde den Himmel an – mit dem freien Auge, um Sternschnuppen zu zählen. Obwohl ich einige auch hellere Schnuppen sah, konnte von einem richtigen Ausbruch keine Rede sein. Was ich allerdings zum ersten Mal wahrnahm, war die Pyramide des Zodiakallichtes. Sie ist in unseren Breiten nicht besonders auffällig. Aber wenn man die Himmelshelligkeit mit der von umgebenden Gebieten vergleicht, dann ist sie unter vernünftigen Bedingungen klar zu sehen. Ich war fasziniert.
    Vom selben Standort aus konnte ich ein halbe Jahr später den Gegenschein sehen. Viele, auch langjährige Astronomen haben diesen noch nie wahrgenommen. Auch dieser war kein Extremobjekt, in einer klaren Nacht unter ganz normalem Mittelgebirgshimmel. Unter den besonders gute Himmelsbedingungen des Herzberger Teleskoptreffens haben wir dann einige Zeit später sogar die schwache Lichtbrücke gesehen. All dies waren eindrucksvolle Erlebnisse, die vereinfacht gesagt nur eines erforderten. Hinschauen.


    Es gibt eine ganze Reihe weiterer Himmelserscheinungen, die für das freie Auge lohnend sind. Ich verfolge immer den Lauf der Planeten und schaue an jeder klaren Stunde nach oben, und sei es auf dem Weg morgens zur Arbeit. Ebenso verfolge ich den Mond, seine Phasen, die jahreszeitlich wechselnden Auf und Untergangspunkte und auch die verschiedenen Mondhöhen. Selbst die Beobachtung von Nebelobjekten ist mit dem freien Auge lohnend. Angefangen von der Milchstraße mit ihren Helligkeitsunterschieden und Verästelungen, über die etwa zwei Dutzend mit dem bloßen Auge sichtbaren Sternhaufen bis hin zu hellen Gasnebeln und sogar zwei Galaxien, am Südhimmel noch ein paar mehr.

  • Hallo Uwe,


    ein tolles, fundiertes Statement, das du da allen Einsteigern mit auf den Weg gibst. Ich kann das nur unterstreichen.


    Die Freude am Hobby beginnt ohne Hilfe und kann auch anschließend mit geringen Mitteln lange begeistern.


    So wie gestern abend, als eigentlich kaum etwas möglich war. Was blieb ist unser nächster Nachbar, der Mond. Alleine auf seiner Oberfläche könnte man wahrscheinlich ein Leben Lang beobachtungstechnisch unterwegs sein...obwohl viele Beobachter die Mondnächte schon fürchten wie der Teufel das Weihwasser.


    Er verändert ständig sein Aussehen. Schattenwürfe und Oberflächendetails bewegen sich quasi minütlich. Da wird´s eigentlich nie langweilig. Man muss sich nur darauf einlassen. Feinste Details werden plötzlich sichtbar und meist geht mehr als man erwartet hat.


    Ich habe mich sogar schon zweimal hingesetzt und den Mond mit freiem Auge gezeichnet. Warum nicht? Dabei konzentriert man sich auf viele Einzelheiten und man entdeckt dabei die Helligkeitsunterschiede der einzelnen Meere und Gebirge, Schattenlinien und gleißende "Reflektionszonen".


    Muss es immer Deep-Sky sein? Auf jeden Fall könnte ich mir mein Hobbyastronomenleben nicht ohne solche Nächte vorstellen, bin aber auch mit absolut wenig zufrieden und mache dann das Beste daraus. Genaues Hinsehen und sich Zeit nehmen fällt leider in der heutigen Zeit oft aus. Für mich dient die Astronomie auch der "Entschleunigung" des Alltags und gibt Kraft für neue Aufgaben. Und wenn man sich die Zeit nimmt, dann ist das Hobby auch gewinnbringend.


    Ein grandioser Sternenhimmel der sich über einem wölbt und der unsere Heimatgalaxie als helles Band präsentiert ist durch nichts zu ersetzen...


    ...außer durch einen 20"+ Dobs ;) bei besten Sichtverhältnissen :happy:


    Spaß beiseite, allen Neueinsteigern wünsche ich den Mut und die Ruhe (Zeit) langsam und gewissenhaft in unsere "Welt" einzusteigen. Und wie Uwe schon erwähnt hat, beginnt unsere Welt mit den eigenen Augen!!!


    Winfrieds Ausführungen (du hast sie während meines Posts geschrieben) zu den verbreiteten Teleskoptypen hilft sicher schon einmal für den ersten Überblick. Empfehlen kann ich nur noch den persönlichen Test des gewünschten Teleskops vor dem Kauf, um Schwächen und Stärken in der Praxis zu erleben.


    Grüße Uwe