Tagung Geschichte der Astronomie - Rückblick

  • Hallo Forum und alle,


    vom 1.11. bis 3.11. fand die jährliche Vortragstagung der Abteilung "Geschichte der Astronomie" der VdS statt. Diesmal in München, da die ansich ausgewählte Sternwarte in Straßburg ablehnte. Man wollte uns einfach dort nicht haben! - Tolle Deutsch-französische Freundschaft... Man hatte uns klipp und klar mitgeteilt, daß man kein Interessa daran hätte, uns zu empfangen.


    Gut, so wurde es die Universitätssternwarte in München, schön gelegen in Bogenhausen. Parkplätze en masse, denn die Sternwarte liegt inmitten eines Villenviertels. Dies war auch mein "Wohnort" im mitgebrachten "Unterwegshaus".


    Getroffen haben wir uns am Freitag zum Kennenlernen im Ratskeller am Marienplatz, eine sehr gute Adresse. Seltsamerweise mit gutem Essen und (noch) angemessenen Preisen.
    Ein Kennenlernen schied eigentlich aus, die etwa 30 Personen, die zu diesem Vortreffen kamen, kannten sich alle untereinander. Nur 2 neue Gesichter saßen mir gegenüber, die Familie Benz aus Rüsselsheim, er ist der Vorsitzende der Sternwarte Rüsselsheim. Nach netten Gesprächen verabschiedeten wir uns gegen 23 Uhr und gingen in die Quartiere. Da ich mich mit der "Tram" nicht auskenne, machte ich einen Spaziergang zur Sternwarte. Nach knapp 30 Minuten war ich wieder am Auto.


    Am Samstag früh um 9 Uhr begann der Vortragsmarathon nach einer kurzen Einführung von Dr. Steinicke, der die Jubiläumsveranstaltung (das 10. Treffen) eröffnete.


    Wie immer galt der erste Vortrag den Gastgebern.
    Dr. Volker Witt sprach über die Entstehung der Münchner Sternwarte, die seit 1759 besteht. Selbst heute noch gibt es die meisten der alten Geräte noch. So durften wir Fernrohre aus der Werkstatt von Utzschneider, Fraunhofer und den Gebrüdern Merz sowie Rapsold betrachten.

    Die 3 erhaltenen handcolorierten Kupferstiche von Fraunhofers Sonnensprektrum

    waren Inhalt des Vortrags Nummer 2. Das Gerät, mit dem die weltweit ersten Spektren genommen wurden, konnte natürlich besichtigt werden...
    Dr. Jürgen Teichmann aus München konnte uns diese Abbildungen sehr gut und fachmännisch erklären.


    Die Firma Merz - 100 Jahre Optikgeschichte in München
    war der nächste Vortrag. Eindrucksvoll mit zeitgenössischen Fotos und Bildern belegt zeigte uns Jürgen Kost aus Tübingen die wechselvolle Geschichte dieser Familie. Enorm, was da damals geleistet wurde. Interessant auch die Tatsache, daß man dort das meiste Geld mit Brillengläsern verdiente (ca. 50% des Jahresumsatzes). Und trotzdem galten die "restlichen" 50%, die für die astronomischen Gläser standen, als die besten der Welt. Russland, China, Südamerika und ganz Europa bedienten sich dieser Gläser für ihre Teleskope. Enorm!


    Die Rudolphinischen Tafeln des Johannes Kepler
    kamen als nächstes. Da spitzte ich natürlich die Ohren, ging es doch hier auch um Tycho Brahe und um die Uranometria. Jürgen Reichert aus Karlsruhe brachte uns dieses Thema näher und vermittelte uns sein wissen in klaren und sehr gut verständlichen Worten.


    Danach war Mittagspause und Gelegenheit, die Gebäude und den großen Refraktor zu besichtigen. Diese Monstrum mit 40cm Durchmesser und einer Länge von ca. 6 Metern wurde restauriert und sogar mit einer GOTO-Montierung versehen. D.h. die Montierung blieb (ca. 6 Tonnen), aber die Steuerung wurde modernisiert. Dieses Gerät wird auch heute noch verwendet und dient den Studenten als Übungsobjekt, bevor sie sich des neuen 4-Meter Spiegels bedienen, der 35km Luftlinie entfernt steht. Nach kurzem Mittagessen in einem nahegelegenen Restaurant ging die Vortragsreihe um 12:30 Uhr weiter.


    Nunn war ich an der Reihe mit meinem erweiterten und neu bebilderten Vortrag über die Phainomena des Aratos von Soloi. Teilweise ist Euch dieser Vortrag ja bekannt. Hier jedoch ging es weniger um die Gedichte (Hexameter), sondern um die Vergleiche der Sternörter vom Stich zum Text. Hier konnte ich einige Falschaussagen verschiedener, meist US-Wissenschaftlern klar entkräften.

    Anaximander (2600 v.Chr.), der erste Kosmologe

    war Inhalt des Vortrags von Nikolaus Steenken aus München. Ein sehr interessanter Vortrag, fußend auf der Tatsache, daß er mit seiner Frau an einem Griechisch-Seminar der Schule teilnahm, an der seine Tochter altgriechisch lernte. Vorgesehen, daß die Eltern die Kinder besser "abhören" können (Vokabeltraining) waren alle Teilnehmer so fasziniert, daß das 6-Stunden Seminar 2 Jahre dauerte und er dann sein Graecum ablegte. Seither über er an alten und uralten Texten, natürlich aus der Astronomie. - Wir lernten neues und erstaunliches!

    Die Jo-Verfinsterung der Römer-Handschrift

    von Michael Parl war ein harter Brocken. Reine Mathematik, gespickt von Formeln und Berechnungen. Ich muß zugeben, ich habe kein Wort von allem verstanden.... Sicherlich ein toller Vortrag, nur leider nichts für mich.


    Johannes Kepler - ein rationaler Mystiker
    Diesen Vortrag konnte nur Dr. Arnold Oberschelp aus Heikendorf halten.
    Ein begnadeter Redner, der seine Zuhörerschaft in den Bann ziehen kann. Kepler, der nicht nur seine Träume verwirklichte, sondern sogar aus einem Traum heraus sein 3. Keplersches Gesetz entwarf und ableitete, versuchte darzulegen, daß sich die Schöpfung von der Harmonie ableitet.
    Ein fesselnder Vortrag, für mich der allerbeste des Tages.


    Den Schluß bildete Regina Umlands (Mannheim, Planetarium) Vortrag uber den Mannheimer Astronom Heinz Haber.
    Besser bekannt den älteren unter uns durch seine Fernsehserie "Der Blaue Planet", mit der er die Wissenschaftssendung erstmals in das Fernseen brachte - natürlich in SW. Mit seltenem, bislang unveröffentlichtem Material konnte sie ihr Publikum noch einmal begeistern.


    Gegen 19 Uhr war dann Schluß.
    Der Direktor der Sternwarte berichtete noch kurz über die Arbeit seines Instituts und über die ersten Ergebnisse des neuen 4-Meter Teleskops auf dem Wendelstein. Tolle Aufnahmen der Andromeda Galaxie (Nahaufnahmen von offenen und Kugelsternhaufen) bis zur Magnitude 26 ließen uns die Kinnlade herunterfallen. Vergleiche mit dem Palomarspiegel (D= 5oocm) zeigten beim neuen (russischen) Spiegel eine erheblich bessere Schärfe. Schon "recht nett", wenn man in der M31 schön aufgelöste Doppelsterne betrachten kann, der pure Wahnsinn!
    Den Schluß bildete ein "Schmankerl", eine Aufnahme von ISON, aufgenommen in der Nacht von Freitag auf Samstag, also brandneu. Er hatte diese Aufnahme speziell zu unserer Freude von seinem Team machen lassen. - Einfach nur toll!


    Die anderen trafen sich dann am Abend wieder am Marienplatz, dieses mal in einer anderen Gaststätte, ich musste aber aus familiären Gründen leider aufbrechen, ein 93-jähriges Geburtstags"kind" wartete....


    Alles in allem: ein gelungenes, ereignisreiches und sehr schönes Wochenende, an dem ich viel neues erfahren habe. Es lohnt, der VdS beizutreten und sich einer der Abteilungen anzuschließen.

  • Ein paar Lichtbilder zur Ergänzung von Winfrieds Schilderung.


    Vorab die Geschichte des Refraktors, im wesentlichen zitiert aus der deutschsprachigen Wikipedia:


    Der Refraktor wurde 1835 an der Könglichen Sternwarte zu Bogenhausen aufgestellt, damals auf einer "Gebälk-Montierung".
    Diese wurde später durch die heutige Montierung ersetzt. Das Instrument war bereits 1825 geordert worden.


    Fraunhofer hatte vor seinem Tod (1826 an Lungentuberkulose) noch die Montierung konzipiert sowie den Glasblock geschmolzen,
    aus dem sein Nachfolger Georg Merz das Objektiv schliff.


    Der Refraktor galt seinerzeit als das beste Instrument der Welt. Linsendurchmesser 28,5 cm, Brennweite 5 m (f/17,5).


    Das Instrument ist heute noch betriebsfähig und wird zur Ausbildung von Studenten verwendet.
    Die Bäume rundum gedeihen prächtig, es sind wohl eher nur zenitnahe Beobachtungen möglich.
    Na ja, ein regelmäßiger Baumschnitt würde nicht geringe Kosten verursachen.
    Schön, daß dieses Instrument a) überhaupt noch existiert und b) noch betriebsfähig ist.


    Die Bilder (in chronologischer Reihung):


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    Der Refraktor in Ruhestellung


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    Abnehmen der Frontkappe


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    Wann kann man schon so eine dicke Linse bestaunen ...


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    28,5 cm Öffnung (hab`s nicht nachgemessen)


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    Teleskop-Kuppeln sind stets zu klein für normale Foto-Brennweiten ...


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    Pro Beitrag sind nur sechs Anhänge gestattet, also weiter im nächsten Beitrag ...

  • und weiter mit den Lichtbildern:


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    durch den Kuppelspalt sind die großen Bäume des Parks zu erkennen ...
    (Ich finde Bäume sehr schön. In Blickrichtung allerdings wünsche ich mir freien Himmel.)


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    vermutlich Plössl


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    Kuppelbau mit Baumumrahmung


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    Die Kuppel von der anderen Seite nach Mittagspause und Gruppenfoto.
    Der bunkerartige Bau beherbergt einen Meridiankreis von schauerlichem Zustand,
    über die Lichtbilder dieses Gerätes breite ich den Mantel anteilnehmenden Schweigens.


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    Vitrine im Foyer des Vortrags-Saales. Hinter dem Refraktor ein 6" Astrograph für große Foto-Platten.


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    Damit geschah die Bildauswertung.


    Schön und beeindruckend, einen so großartigen, historischen Refraktor aus der Nähe bestaunen zu können.
    Der Gedanke, daß Fraunhofer höchstpersönlich die Glasschmelze gerührt hat, läßt mich innehalten.


    Vielen Dank an die Veranstalter und die Durchführenden vor Ort für die Wahl dieses besonderen Ortes,
    die Durchführung und für das interessante (Begleit-) Programm!


    Viele Grüße, Andreas

  • Hallo Andreas,


    tolle Bilder! Ich habe es mir verkniffen, auch noch zu fotografieren, war viel zu nervös, da ich ja nach der Pause gleich dran war. Dazu habe ich auch noch einen Bock geschossen, der allerdings positiv für meine Nachfolgeredner war:
    Bei der Dike (Jungfrau) hat Aratos satte 3 Seiten. Die wollte ich abkürzen und habe einen roten Strich an die Stelle gesetzt. In der ganzen Aufregung habe ich ihn beim Vortrag als das Ende angesehen. Daher fehlten noch 6 Sternbilder, die ich vorstellen wollte. Naja, war nicht so wichtig. Das, was ich gesagt hatte, war wohl als Beweis ausreichend.

  • WIR SIND DRIN !!!!!!!!!!!!!


    Gerade eben habe ich erfahren, wir (Arndt Latuseck und ich) sind im Scientific America of historical astronomy anerkannt.


    Sein Artikel wird dort in englisch im Journal erscheinen. Dies ist einem Ritterschlag gleichzusetzen. wer kommt schon dort rein.... Das Thema Uranometria und Bayer haben wir z.T. gemeinsam erarbeitet, alle Abbildungen und ein Teil der Aussagen stammen von mir.


    Ich bin irre, ausgeflippt- und kann es kaum fassen. Da kommt ein Hobbyastronom und schafft es ins höchste Gremium der historischen Astronomie! - Zugegeben, ich arbeite eng mit Arndt Latuseck zusammen, aber gemeinsam haben wir es geschafft, in die beste wissenschaftliche Zeitung der (historischen) Astronomie zu kommen. Unser Artikel über die Uranometrie wird dort veröffentlicht werden - ich fasse es noch immer nicht.


    Ich hüpfe im Dreieck, der Wein wird alle.... ich sauf mir einenj an, das gibt es nicht!


    Wenn ich wieder auf dem Boden der Tatsachen bin, werde ich näheres berichten. Vorläufig bin ich duuuhn", kaum noch ansprechbar. Wird sich aber wieder richten.