Erst testen - dann kaufen

  • Erst testen - dann kaufen

    Zitat


    ". . . mit der Bitte um Neujustage. ... Die Jupiter-Monde zeigen sich als schwieriger Ring, da muß etwas verstellt sein"


    So in etwa lautet das Begleitschreiben des Sternfreundes, der beim Kauf eigentlich einen künstlichen Stern gebraucht hätte, um diese "Russen-Tonne"
    als unbrauchbar auszumustern. So landete dieses "wertvolle Teil" bei mir - nun sieh mal zu, wie du das wieder hinkriegst. Mit großer Begeisterung stürze
    ich mich also über das Teil im Bewußtsein, daß nicht alle dieser Foto-Objektive auch wirklich optimal sind.


    Entsprechend katastrophal fielen zu Beginn auch die ersten Tests aus.



    .
    Offenbar kann man mit diesem ausgeprägten Astigmatismus aus dem Jupiter und seinen Monden einen Saturn-ähnlichen Ring zaubern - nur der Vergleich mit
    einem anderen Spektiv offenbarte sehr schnell die "hohe Qualität" dieses Reiseteleskops.



    .
    Also beginnt in jedem Fall die Fehlersuche - und der Hauptspiegel bzw. dessen Lagerung ist der wahrscheinlichste Grund für diese massive Störung.
    Nun muß man den Hauptspiegel isoliert untersuchen, ob er diesen Fehler auch hat, der nämlich bei jedem katadioptrischen System über den Sekundär-
    Spiegel kräftig nachvergrößert wird. Die Hauptspiegel-Lagerung muß deshalb in einem solchen Fall perfekt sein, wenn es der Hersteller über die Haupt-
    spiegel-Zelle überhaupt zuläßt.



    .
    Der Hauptspiegel liegt noch in der HS-Zelle und sollte eigentlich jetzt keinen Astigmatismus zeigen. Weit gefehlt, wenn man das folgende Bild betrachtet. Die Ursache
    wäre also fast gefunden.



    .
    Im nächsten Schritt wird nun die hintere Hauptspiegelzelle in ihre Einzel-Teile zerlegt, damit man die Ursache für den Fehler findet: Der Astigmatismus könnte
    ja auch in den Hauptspiegel fest eingeschliffen sein, was aber eher unwahrscheinlich ist. Nr. 1 ist der Hauptspiegeltopf mit der HS-Zelle. Dorthin wird Nr. 2,
    der Hauptspiegel, eingefügt mit der Spiegelfläche nach unten. Auf die Rückseite drückt Nr. 3 ein Druckring mit drei um 120° versetzten Druckstellen. (Und darin
    besteht das Problem.) Nr. 4 ist ein nachfolgender Schraubring, der auf den Druckring drückt. Obenauf bildet Nr.5 die Abschlußkappe mit Blendrohr den hinteren Teil
    der Russentonne, mit Okular-Auszug etc.



    .
    "Fachmännisch" liegt der HS also auf einem Anschlag-Ring mit 2 mm Breite, leider aber ohne die sonst üblichen Druckpunkte, wie man sie beispielsweise
    bei allen Zeiss-Objektiven findet. Dort werden Linsen oder Spiegel an jeweil 3 übereinanderliegen Druckpunkten wie mit einer seitlichen Klammer gehalten
    und dieses Prinzip führt garantiert keinen Astigmatismus ein. Diese 3 Druckpunkte fehlen. Wenn also der Anschlag-Ring nicht absolut plan gedreht wurde,
    dann wird der sphärische Hauptspiegel kräftig gedrückt und reagiert astigmatisch. Das kann man bei SC-Systemen ebenfalls beobachten. Bei RC-Systemen
    kann es auch an der HS-Dezentrierung liegen. Ein vorhandener Astigmatismus, sei er noch so klein, wird bei einem Maksutov-System immer nachvergrößert
    und stört die Abbilduing erheblich. Das Maksutov-System besteht durchwegs aus sphärischen Flächen. Insofern ist beim Hauptspiegel keine Zentrier-Möglichkeit
    notwendig. Wenn der Sekundärspiegel auf die 2. Meniskusfläche "aufgedampft" wurde, muß auch die Meniskus-Linse nicht zentriert werden.
    Aber der Hauptspiegel muß dafür äußerst druckfrei gelagert werden.



    .
    Erst nachdem der HS völlig frei gelagert wurde, war der Astigmatismus verschwunden und damit die Ursache gefunden. In solchen Fällen muß man nachträglich
    eine Druckpunkt-Lagerung beim Auflage-Ring einbauen. Das wäre nicht das erste Mal, wo eine Optimierung dann in Arbeit ausartet. Der Artificial Sky Test oben
    rechts sollte idealerweise das Gesamt-System repräsentieren - das ist aber eher die Ausnahme bei solchen Systemen.



    .
    Nach mehreren Anläufen - ein weiterer Fertigungsfehler tauchte auch noch auf - war die Lagerung des HS wesentlich günstiger und der Astigmatismus hatte
    sich erheblich reduziert. Und nun stellt sich die dringende Frage, welche weiteren Fehler hat dieses Objektiv denn noch? Man kann nämlich tagelang gegen
    den Astigmatismus ankämpfen um dann abschließend festzustellen, diese Optik ist deutlich unterkorrigiert. Das fällt nämlich an den intra/extrafokalen
    Sternscheibchen deutlich auf. Selbst wenn man den Astigmatismus auf Null gebracht hätte, sorgen sowohl Koma wie sphärische Aberration immer noch für
    einen "gerade noch beugungsbegrenzten Strehl-Wert. Die nüchterne Überlegung lautet daher, was erreiche ich eigentlich mit einer tagelangen Optimierung, wenn
    das System noch andere massive Fehler hat. Und damit stellt sich die durchaus interessante Frage: Für welche Anwendung ist die Russen-Tonne eigentlich gebaut.



    .
    Bereits beim Ronchi Test wird die Unterkorrektur deutlich sichtbar. Bei hoher Vergrößerung hat das System natürlich immer noch Astigmatismus, der bei der
    Fotografie in dieser Größe überhaupt nicht stört. Und visuell sollte man sich vielleicht etwas Wertvolleres kaufen.



    .
    Am Interferogramm wird ein weiteres Mal die Unterkorrektur sehr deutlich.



    .
    So kommt zunächst ein bescheidener Strehlwert heraus - wie man ihn bei vielen fotografischen Systemen findet z.B. bei RC-Systemen.
    Nun aber ist es sinnvoll, sich über die Wirkung der einzelnen Fehler Gedanken zu machen. In dieser Größe sieht man den Astigmatismus
    nur visuell bei hoher Vergrößerung. Der Kamera-Chip würde diesen Fehler, pixel-bedingt, nicht sehen. Die Koma ist in diesem Fall
    so klein, daß man sie vernachlässigen kann. Bleibt nur noch die Unterkorrektur: Für diesen Fall wird Lichtenergie in die Beugungs-Ringe
    verschoben, und der einzige Effekt dabei ist, daß sich der Sternscheibchen-Durchmesser geringfügig "aufbläst".
    Aber es ist ja auch kein Takahashi, TOA etc.




    Man sollte sich deshalb entschließen, diese Russentonne für die Fotografie einzusetzen, und man hätte ein wunderbar
    handliches F/10 System , man kann es auch Reise-Teleskop nennen.

    Wie bereits eingangs erwähnt, für einen derartigen Kauf empfiehlt sich dringend ein künstlicher Stern, um den nachträglichen
    Ärger etwas einzuschränken, sonst hätte ich hier noch mehr solcher Teile.

    .
    .
    .

  • Hallo Wolfgang,


    den Geburtstagswünschen vom Nachbarthread möchte ich mich aber noch anschließen!


    Haust Du früher schon mal eine Russentonne vermessen? Waren Die früher besser?


    Ich habe Eine, der frühen Importe noch von Bw-Optik und Markus Ludes, mit sehr guter Abbildung intra,- und extrafokal, sowie nadelscharfe Sternabbildung selbst bei extrem hohen Vergrößerungen, wie ich auf Maritius 2006 wieder feststellen konnte.
    http://www.g2-astronomie.de/phpbb2/viewtopic.php?t=16


    Gruß Günter

  • Lieber Günter,


    schon früher gab es die Russentonnen mit unterschiedlicher Qualität, es war aber auch bekannt, wie gut
    die sein können. Also habe ich mir damals extra einen künstlichen Stern mitgenommen, ihn in ca. 30 m
    Entfernung aufgestellt und mit dem Sterntest und einem Ronchi-Gitter mir das beste davon herausgesucht.
    Auch damals waren die Unterschiede schon deutlich erkennbar - nur auf Experimente habe ich mich schon
    damals ungern eingelassen.