ED gegen Kron- / Flintglas (nicht APO gegen Fraunhofer)

  • Hallo,


    Bin heute im Internet zufällig auf folgenden Prospekt gestoßen:
    www.ursusmajor.ch/downloads/meadeedapo.pdf



    Da wird ein (alter) Meade ED-APO gezeigt und gepriesen. ... ... ... Soweit so schön !


    Aber: ... ... das Objektiv hat einen Durchmesser von 102 mm und eine Brennweite von 920 mm !


    Genau wie mein Meade-Refraktor, den ich (ist das schon so lange her ?) vor 7 1/2 Jahren (durch Teile vom Baumarkt modifiziert) zum Schnäppchenpreisvon um die 70 € erworben habe. Ich hatte damals darüber berichtet: http://www.astrotreff.de/topic.asp?ARCHIVE=true&TOPIC_ID=84716



    Also mein Refraktor und der vom Prospekt ist garantiert nicht derselbe; ... das ist eher so wie „die Schöne und das Biest;) .


    Meiner ist genau wie der hier (nur 102/920 anstatt 90/1000): http://www.svenwienstein.de/HTML/explorer_395.html

    Also ganz klar ein „Vorgänger“-Modell !



    ... ... ... : ... ... ... Aber der besondere, ungerade Objektivdurchmesser (102 mm) und die besondere, ungerade Brennweite (920 mm) beschäftigt mich. ... ... ... Klar, das macht - ziemlich haargenau - f/9 und vielleicht hat der Hersteller / Verkäufer mit den Zahlenangaben ja auch ein bißchen „geschummelt“, um genau f/9 zu erreichen ! ...


    Aber warum dann nicht „runde“ Zahlen, also 100/900 ?



    ***


    Also langer Rede, kurzer Sinn:


    Ich frage mich, ob mein Schnäppchen (ich rede ausschließlich vom Objektiv !) nicht der „mißratenen Sohn“ oder eine „mißratene Tochter“ (weil a-stigmatisch“ und deshalb „stigmatisiert“, d.h. ausgesondert) einer frühen ED-Schmiede ist !


    In dem Prospekt ist ein Bild der Anordnung der Linsen des Achromaten (Zweilinser mit Luftspalt). Ich stelle das mal hier rein:




    Mir ist heute - bei der Lekture dieses Prospekts - zum ersten Mal aufgefallen, daß bei diesem ED-A(po)chromaten die vordere und die hintere Linse ja vertauscht sind : konkav (= da wo man Kaffee reinschütten kann) ist ja vorne. ... 8o=O ... !!!


    Siehe dagegen hier (von wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Achromat ) die Linsenanordnung eines normalen Fraunhofer-Achromaten (konkav = hinten):




    ... Also, jetzt will ich es wissen: ... sitzt mein Objektiv vielleicht verkehrt herum im Refraktor ? ?(


    Kann man die Glassorten ED (gegen Kron- / Flintglas) irgendwie erkennen ? ... Vielleicht durch „Schräghalten“ im Sonnenlicht oder sonst irgendwie ?


    Oder sind die beiden obigen Bilder ausreichend, um die Abgrenzung klar zu machen: das erste Bild zeigt ja eine konvex-konkave Frontlinse (= ED ?) gegen eine plan-konkave hintere Linse (normaler Fraunhofer-Achromat) ? (Könnten ja auch nur zwei bei der Zeichnungbenutzte Linsen-Varianten sein !).


    Kann jemand was dazu sagen ?


    [Aber bitte keine APO / nicht-APO Diskussion; ... mir geht es um das „ED“ gegen Kron- / Flintglas, also das „Erkennen“ der Glassorten !]



    Gruß

  • Hallo Rudi,


    Ihr Refraktor wird aus der ersten Generation von abbildungsoptimierten, farblich besser korrigierten Objektiven der Firma Meade stammen. Die gab es in 1:9 von vier bis sieben Zoll (!) freier Öffnung. Daher stammen auch die krummen metrischen Zahlenwerte. Vier Zoll sind 101,6 mm, also macht der Kaufmann 102 mm daraus. Die 920 mm Brennweite dürften daher auch eher etwa 914,4 mm sein. Im Vergleich zu heutigen Apochromaten war das Ergebnis allerdings eher bescheiden. Das Objektiv ist aber so, wie abgebildet völlig in Ordnung. Es liegt mit Sicherheit kein umgekehrter Einbau des Objektives in den Tubus vor, da es sich wohl nicht um ein Fraunhoferobjektiv handelt.


    Es gibt ja nicht nur die Objektive nach Fraunhofer, die als vorderste Linse eine Sammellinse aus Kronglas, gefolgt von einer Zerstreuungslinse aus Flintglas aufweisen, sondern auch einige andere Kombinationsmöglichkeiten. Beim vorliegenden Objektiv könnte man von einem Steinheilschen Typ, Stichwort "Flint voraus!", sprechen. In der frühzeit des Objektivbaues, etwa bis ins späte 19.-te Jahrhundert, eine Zeit in der nur wenige Rechnungen überhaupt durchgeführt werden konnten, hat man in der Praxis der Herstellung gemerkt, dass ein Objektiv, welches drei gleichförmig gewölbte Radien in Folge besitzt, geringere Bildfehler hat. Es ist also einfacher zu fertigen. Man drehte also den Fraunhofertyp um (Flintlinse voraus) und hoffte, so bessere Objektive zu erlangen. Hintergrund ist, dass der Weg des sich brechenden Lichtstrahls bei aufeinander folgenden gleichen Grenzflächen Luft/Glas Glas/Luft geringeren Winkeldifferenzen unterliegt, was sich günstig auf eine Korrektur auswirkt. Nachteilig dabei war, dass damals das Flintglas nicht so hart und nicht so chemisch stabil war, wie Kronglas. Die Flintlinse neigt also stärker zu Kratzern und "läuft" mit der Zeit an. Wie gesagt, das war vor 150 Jahren so. Heute sind Flintgläser den Krongläsern in dieser Hinsicht nur noch wenig unterlegen.


    Das vorliegende Meade Objektiv zeigt genau diese Anordnung: Als erstes eine Flintglaslinse und dann die Kronglaslinse (auch ED-Glas ist ein kronglasartiges Glas). Und wir sehen die drei gleichgewölbten Radien, der Flintmeniskus mit mehr oder weniger parallelen Krümmungsverläufen und die erste Fläche der ED-Linse mit ebenfalls einem gleichen Krümmungsverlauf.


    Bei Meade dürfte man sich für diesen Aufbau entschieden haben weil die damalige ED-Glaslinse noch weicher war, als Flintglas (geringere Schleifhärte) und chemisch sehr empfindlich, deutlich empfindlicher als es heutige Flintgläser sind. Außerdem dürfte die ED-Linse bei diesem Objektiv wohl keine Vergütung (Antireflexbeschichtung) haben, weil der Beschichtungsvorgang bei frühen ED-Gläsern Verformungen, also Abweichungen von der idealen Krümmung und damit Bildfehler hervorgerufen hat. Heutzutage ist das aber technologisch kein Problem mehr. Also hat Meade die empfindliche, unvergütete Linse sicher und trocken hinter die Flintlinse in den Tubus gepackt, wo sie vor allzu starken Temperaturschwankungen, zu hoher Luftfeuchte und allzu eifrigen, linsenreinigenden Amateurastronomen sicher ist. Ausserdem sieht man dann von aussen nur die vergütete Flintlinse, das ist eben auch Verkaufspsychologie ...


    Also, lieber Rudi, ich würde sagen das Objektiv ist so wie es ist in Ordnung. Natürlich können mit der Zeit Stöße bei der Handhabung des Telekopes dazu führen, dass sich die Linsen minimal in der Fassung verschieben. Das kann dann zu Bildfehlern (hauptsächlich Astigmatismus) führen. Hier im Forum gäbe es aber den einen oder anderen Amateur, das soetwas messen und beheben kann.


    Mit freundlichen Grüßen


    HCS

  • Bei den Zweilinser-Systemen gibt es zwei Varianten: Fraunhofer(pos. Kron-Linse zuerst) und Steinheil(negative Flint-Linse zuerst). Zu den
    optischen Vorteilen kann ich leider nichts weiter beitragen. Das kann ein Designer besser erklären.


  • Hallo Rudi,


    im Nachgange zu Deiner Mitteilung kann ich Dir leider keine Hoffnung machen, ein ED-Glas ohne weiteres nur durch anschauen feststellen zu können, man muss schon irgendwie ein Spektrum erzeugen, dessen Ausdehnung etwas über die Dispersion verrät, wenn man denn Spektren anderer Gläser kennt oder besser gleich richtige Messungen zur Ermittelung des Brechungsindexes durchführen.


    Es gibt unter den Amateurastronomen Spezialisten, die behaupten, sie könnten einen Fraunhofer von einem Steinheiltyp anhand der Reflexe zwischen den beiden Linsen unterscheiden - ich gehöre leider nicht dazu. Was Du aber schauen kannst - Du hast ja anscheinend das Objektiv ohne Tubus erstanden (?) - ist, ob die Rückseite vergütet ist. Das kann man in der Regel gut sehen.


    Zum Thema der Leistungsfähigkeit der Meade ED-Apos möchte ich noch ergänzen, dass diese Refraktoren mit 1:9 gleich gut oder gar etwas farbreiner als die 1:15 Achromate sind. Das war, wenn ich richtig gelesen habe, auch das Ziel des Entwurfes.


    MfG


    HCS