Ist der Blutmond wirklich so orange/rot, wie uns moderne Fotos evtl. glauben machen wollen?

  • Hallo zusammen,


    ich hoffe es ist mir erlaubt ein paar kurze Fragen zur Diskussion einzustellen.


    Passend zur aktuellen Mondfinsternis vom 21.01.2019 tauchte bei mir die Frage auf, ob das Phänomen des Blutmondes eventuell eine „Erfindung“ der Neuzeit ist, und ich wollte Euch fragen, wie Ihr solche totalen Mofis visuell erlebt?


    Ich bin ein Freund von knalligen Farben und freute mich bei den letzten Mofis, die ich digital fotografiert habe (Pentax K-X mit 500er f8 Beroflex), dass ich einfach den Farbkontrast erhöhen konnte und wunderbar orangene Mondfotos dabei herauskamen. Dann hallte die Stimme meiner Ma durch meinen Kopf mit der Frage, ob das wirklich so ausgesehen hätte oder ob ich am PC rumgedreht hätte, um solche Farben hinzubekommen. Daraus resultierte mein Interesse, ob z.B. auch die Namensgebung „Blutmond“ neu und dem Zeitgeschehen geschuldet sei, um die Sache spektakulärer zu machen als sie vielleicht eigentlich ist. Ich finde leider nicht viel dazu im Web, deswegen würde ich mich freuen, wenn sich ein paar Profis von Euch den folgenden Fragen kurz widmen könnten:


    1. wie bunt bzw. orange oder rot habt Ihr bei visueller Beobachtung von Mondfinsternissen die Farben empfunden (evtl. auf einer Skala von 1 bis 10)? Ich gäbe der letzten maximal eine Zwei.
    2. hat jemand analoge Fotos, also Dias oder Negative, von Mondfinsternissen, die man zu Rate ziehen könnte?
    3. seit wann kennt Ihr den Begriff „Blutmond“? Ich meine gelesen zu haben, dass er schon im Mittelalter benutzt worden sein soll, aber für mein Gefühl ist früher – sagen wir vor 25 Jahren – nicht davon die Rede gewesen.


    Ich bin für jeden Beitrag dazu dankbar, wenn man erst mal anfängt zu zweifeln lässt einen das so schnell nicht los.
    Also vielen Dank und ganz liebe Grüße und allzeit gute Sicht
    Nielz aus Köln

  • Hallo Nielz,


    herzlich willkommen im Forum!


    Als Profi möchte ich mich nicht bezeichnen, aber dennoch meine Meinung zu Deinen Fragen:


    1. Ich hatte eine recht lange Astronomiepause und mich früher eher nicht auf totale Mondfinsternisse konzentriert (oder sie waren seltener). Ich fand die Mondfarbe in der totalen Phase schön rötlich. Gerade habe ich mir meine NEF Dateien angeschaut und stelle fest, dass diese sehr deutlich rötlich sind. Bei der Entwicklung dieser Rohdateien habe ich keine Farbe in Richtung rot verschoben.


    2. leider nein


    3. Mir ist der Begriff auch erst wenige Jahre bekannt. Früher habe ich ihn nicht wahrgenommen oder überlesen. Aber zu dieser Zeit hat man bei uns auch noch nicht Helloween gefeiert.


    Die Intensität der Rotfärbung ist ja eine Streulichterscheinung der Erdatmosphäre. Je mehr Staub, evtl. Feuchtigkeit (Vulkane, etc) in der Luft umso intensiver vermute ich das Rot (ähnlich beim Sonnenauf-/ untergang). Wahrscheinlich kommt es auch noch darauf an wie weit der Mond in den Erdkernschatten eintaucht.


    Letztlich ist für mich die Farbe "subjektiv", sofern sie nicht als "Farbort" gemessen wird. Ob sich diese Mühe jemand macht?


    Viele Grüße

    Thomas

  • Hallo Nielz,


    ich denke Du hast Recht. Ich betreibe seit fast 50 jahren Astronomie. Und die Erkenntnis scheint mir richtig, daß die letzten Jahre ein fürchterlicher und durch nichts gerechtfertigter Hype um alle Arten von astronomischen und nicht-astronomischen (meistens pseudo-wissenschaftlichen) Ereignissen entstanden ist, wovon "blue moons" und "Blutmonde" nur ein Teil sind. (Liegt wohl vorallem auch am Wettbewerb um Forschungsgelder, daß alles so aufgebauscht wird).


    Ehrlich gesagt, ich finde Mondfinsternisse extrem langweilig.


    ... Aber offenbar brauchen die Menschen heute diese extremen Übertreibungen und die Hyper-Inflation der Worte in Medien und Politk, weil die Welt, die nur noch aus technischer Abwicklung von Standard-Abläufen besteht, so langweilig geworden ist, daß man die kleinsten Ereignisse gnadenlos aufbauschen muß, um der depressiven Monotonie zu entfliehen. Adrenalin-Junkies und der dazu passende Journalismus (mit dem Ziel sich und andere künstlich zu erregen und den Blutdruck kurzfristig in die Höhe zu treiben) haben deshalb heutzutage Konjunktur.


    Es ist sehr schön, wenn sich Leute für Astronomie interessieren und begeistern (aber man sollte sie nicht durch maßlose Übertreibungen enttäuschen und letzendlich abschrecken).


    Alles in Maßen !


    Gruß


    Ergänzung: Nach einer "Re-Lecture" sehe ich, daß mein Beitrag mißverstanden werden kann. Ich möchte daher nochmal auf den Satz, der mit "Es ist schön" beginnt, hinweisen. Du hast gesagt, Du bist an allen Meinungen interessiert und Du willst diskutieren, daher mein Beitrag. Er richtet sich keinesfalls gegen Dich, sondern gegen die Presse / Medien. So ein "Event" ist wunderbar, aber man muß die Leute behutsam an die Astronomie heranführen und ihnen nicht "Knalleffekte" vorführen und sie dann mit dem "Kater" nach dem Fest alleine lassen. Wie geht es nach dem "Rausch" weiter ?, ... ist die Frage. Wenn man Menschen behutsam an die Astronomie heranführt, dann können daraus solche Amateure werden, wie der Herr, über den hier berichtet wird (und der eigentlich - obwohl Amateur - ein echter Wissenschaftler war). Demgegenüber bin ich eher ein engagierter "Spazieren-Schauer". Thomas schreibt Beobachtungsberichte (siehe seinen parallelen, rezenten Beitrag auf diesem Forum), .... das ist schon ein Schritt weiter. Es kommt nicht so sehr auf den Grad der Wissenschaftlichkeit an, aber worauf es ankommt, ist das "Weitermachen" über den kurzfristigen "Rausch" hinaus ! Und dazu braucht man "Anleitung", entweder durch andere Menschen oder durch Bücher, Foren, usw.

  • Hey Thomas,


    vielen Dank für den netten Empfang und die schnelle Antwort, damit hatte ich so zügig gar nicht gerechnet!


    ad 1. NEF, wieder was dazugerlernt. *g* Und okay, das ist eine Aussage. Wäre klasse, wenn noch mehr ihr Empfinden bzgl. der Intensität beschreiben könnten.

    ad 3. dann trügt mich mein Gefühl nicht ganz, danke!


    Hat sich durch weltweite Luftverschmutzung insgesamt evtl. die Intensität erhöht? Und ist das wirklich erwiesen, kann ja auch jemand behauptet haben und alle wiederholen es? Es gibt ja genug Sonnenuntergänge – auf der Erde –, die nicht sehr durch Errötung glänzen ...

    Die Farbe mit einem Messgerät zu bestimmen hat doch bestimmt schon jemand getan, vielleicht frage ich mal in einer Sternwarte oder einem Institut für Astronomie?


    Hast Du Fotos von der letzten Mondfinsternis, dann könnte man auch mal vergleichen.

    Liebe Grüße
    Nielz

  • Lieber Rudi,


    auch Dir vielen Dank für Deine elaborierte Antwort und Einschätzung. Du haust ja genau in meine Kerbe, Du hilfst mir, so dass ich mich nicht ganz alleine fühle, was den BLUTmond angeht.


    Mondfinsternisse sind natürlich keine Sonnenfinsternisse – was für mich, der ich (leider) bisher nur eine totale sehen konnte, das absolute Non-Plus-Ultra der Astroerscheinungen ist –, aber ich finde die Phase kurz vor dem Eintritt in den Kernschatten und vice versa schon sehr beeindruckend. Und Mond geht immer, von daher: für mich nicht extrem langweilig!


    Und was kann man in der Stadt sonst schon gut beobachten? Ach, Mond, na klar. *g*


    Ich bin allerdings als Kind in Dänemark in eisigen, glasklaren Nächten vom Sternenhimmel zum Astrofan geworden, und das ganz ohne Medien. Meine Eltern haben mich einfach oft genug im Dunkeln draußen „spielen“ lassen und als ich dann mit 14 das Teleskop bekam ...


    Danke noch mal für Deine mich sehr bestärkende Antwort, ich schau mich dann mal weiter um, und komme bestimmt noch mal mit weiteren Fragen um die Ecke, wenn mir so nett geantwortet wird.


    Howdy und liebe Grüße
    Nielz

  • Hi Nielz,


    ich habe mit meiner Frau (Französin) die Frage diskutiert.


    Sie sagte: es gibt ja auch "Blutorangen".


    Ist also alles halb so schlimm. ... Aber mich hat das an einen wirklichen "Sch...film" aus 1981 erinnert, den ich - aus ich weiß nicht mehr welchem Grund - irgendwo mal gesehen hatte, und der auch unter dem Titel "Bloody Moon" lief: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_S%C3%A4ge_des_Todes


    Also das ist / scheint alles relativ !


    (Und ich finde den Mond, in seinen verschiedenen Phasen, am Terminator, unheimlich interessant).


    Aber trotzdem: ... mach weiter !


    Alles Gute


    Gruß

  • Hallo Nielz,


    zwei Bilder unbearbeitet aus der Kamera, habe ich in meiner Galerie, hier im Forum, hinterlegt. Das eine hat etwas mehr Belichtung als das andere...


    ich glaube nicht, dass es "eine weltweite Luftverschmutzung", die sich in roten Sonnenuntergängen offenbart, gibt. Die Klimakiller unserer Zeit siehst Du nicht und riechst Du nicht...

    Ich meinte tatsächlich "unschuldigen" Staub in der Atmosphäre durch Vulkane, Wüstenwinde, etc...


    ...und die Atmosphäre bricht verschiedene Wellenlängen auch unterschiedlich, wie ein Prisma: die roten (langen) Wellenlängen weniger stark als die blauen (kurzen). D.h. je tiefer das Objekt steht, desto besser erreichen den Beobachter die langen Wellenlängen = rot.


    Viele bunte Grüße:)


    Thomas