RC-System zwischen Design und Realität

  • RC-System zwischen Design und Realität

    Der Hersteller wird dieses System überarbeiten und dann wird es vermutlich erneut wieder bei mir landen,
    wie das bei einem größeren, ähnlich gestrickten System bereits der Fall war. Unabhängig davon sind
    derartige Beispiele eher eine Herausforderung, den verschiedenen Fehlern auf die Spur zu kommen. Und
    nicht umsonst bat ich den Sternfreund, mir die Einzelteile nochmals für eine genauere Untersuchung
    zuzuschicken - das, und noch mehr kam dann heraus:

    Zunächst das RC-System selbst. Man kann es auf mehrere Varianten bauen: Cassegrain (parabolisch/Hyperbolisch),
    Dall-Kirham (ellipt/sphärisch), Ritchey-Cretien (hyperbolisch/hyperbolisch) oder Pressman-Carmichel(sphärisch/
    hyperbolisch) Bei der Übersicht auf den Scale bzw. Maßstab achten. Beim System von Pressman-Carmichel wäre
    der Scale 40 Einheiten und bei einem Bildfelddurchmesser von 30 mm besser als die Version von DAll-Kirkham mit dem
    Scale 400.



    Und bei jeder dieser Varianten schaut die Situation auf der Achse oder im Feld anders aus. Normaler-
    weise mißt man das System durch ohne sich groß um die opt. Komponenten zu kümmern. Erst wenn erhebliche
    Ungereimtheiten auftauchen, zieht sich die Untersuchung über mindestens 14 Tage und mehr. Die Parameter, die
    es einzuhalten gälte wären: Der exakte Radius des Hauptspiegels mit 1750 mm. Tatsächlich waren es aber nur
    1731 mm was zunächst kein Beinbruch ist. Die conische Konstante sollte bei - 1.2646 sein, per Kompensations-
    Messung waren es dann nur - 1.184448 . Auch das wäre noch zu verkraften, weil sich dann nur die Abstände
    ändern, man das System also auf die neuen Abstände hin optimieren muß. Ausgewirkt haben sich letzlich die Zone
    im Hauptspiegel, die über den Sekundär-Spiegel vergrößert wird und die Tatsache, daß der Sekundär-Spiegel einen
    Astigmatismus hat, der den Gesamteindruck empfindlich stört.



    Bei aller Kunst zeigt das Interferogramm eine wenig ansprechende Situation, allerdings noch ohne die Zuordnung, wo
    man welchen Fehler zu suchen hätte.



    Entsprechend deprimierend fällt auch der Strehl-Wert aus.



    Auch der Astigmatismus im System läßt sich nicht verleugnen.



    Die übrigen Tests: Foucault, Lyot, Ronchi-Gitter und das Interferogramm bei 587.6 nm wave erhärten nur den Befund.



    So ein niederschmetterndes Ergebnis läßt einen zunächst grübeln, ob vielleicht was mit der Auswert-Software nicht in
    Ordnung sei, sodaß ich ein ähnliches Interferogramm mit der gleichen Software untersuchte - es könnte ja sein ...



    Aber die Antwort ist eindeutig, wäre das reale Streifenbild so gut wie das ideale, dann käme auch ein Strehl von 0.996
    heraus !



    Gut ! Dann geht es mit dem Hauptspiegel in Kompensation durch eine Plankonvex-Linse weiter:



    Im Idealfall sollten die Streifen gerade und parallel sein. Im vorliegenden Beispiel ist also der Hauptspiegel nicht so
    perfekt, aber er hat nahezu keinen Astigmatismus und darüber hinaus bekommt man über die Abstände von Licht-
    quelle zu plankoncex-Linse zu Hauptspiegel auch noch die conische Konstante abgeliefert.



    Mit einem Interferenzfilter lassen sich alle übrigen Test erneut durchführen, weil es ja ein Null-Test mit einfacher
    Genauigkeit ist. Die Zone im Hauptspiegel stört das System - leider.



    Hier der Vergleich: Oben der Astigmatismus im System unten: nur der Hauptspiegel, der keinen signifikanten
    Astigmatismus zeigt.



    Über die Abstände und den auf ca. 1 mm genauen Krümmungsradius des Hauptspiegels läßt sich zumindest dieser nach-
    vollziehen und die Frage beantworten, wie genau der Hersteller die Daten eingehalten hat: Das System hätte also
    eine gewisse Toleranz, ja wenn zumindest der Hauptspiegel irgendeine perfekte Hyperbel im Bereich von - 1.2646
    conische Konstante aufweisen würde.



    Hauptspiegel wäre nun bekannt. Weiterhin unbekannt wäre der Sekundär-Spiegel sowie die optimierten Abstände. Und
    da beginnt nun der Suchprozeß. Weil der Kollimations-Planspiegel eine Bohrung hat, läßt sich dort der Sekundär-Spiegel
    befestigen und auch noch justieren. Auch die Justage des Systems bleibt ein Geduldsspiel über einen künstlichen Stern.



    Jedenfalls wäre das beste Ergebnis knapp unter der Beugungs-Grenze, und die Fotografen wären damit vermutlich hoch
    zufrieden. Allerdings wurde der Astigmatismus hier herausgerechnet, der den Strehl-Wert auf ca. 0.15 drückt.



    Nicht zufrieden ist man, wenn man die anderen Test-Bilder so anschaut. Unübersehbar die Zone aus dem Hauptspiegel
    und unübersehbar der Astigmatismus. Ohne Astigmatismus wäre es ein Streitfall.



    Nun wird jener Hersteller offenbar von der Creme der deutschen Zygo-Sachverständigen aus dem Amateur-Lager
    beraten, soll heißen, derjenige wäre mir bekannt. Wenn man aber ganz ohne Zygo mal die traditionellen Meß-
    verfahren bemüht, dann würde bereits der Ronchi-Test in Vergleich zu allen übrigen Tests Aufschluß darüber
    geben, ob die Fläche des Hauptspiegels in Ordnung ist oder nicht. Und das sollte eigentlich ein Hersteller auch
    können, wenn er nicht den allerneuesten Zygo sein eigen nennt ...



    Jedenfalls bin ich auf die Überarbeitung gespannt.

  • Hallo und erstmal Danke für den Bericht!
    Ich hätte eine vielleicht blöde Verständnisfrage: Wie testet man eigentlich einen hyperbolischen Hauptspiegel mit ohne den zugehörigen hyperbolischen Fangspiegel? Ein Ronchigramm müsste doch ziemlich "verhauen" aussehen, oder?