Produkt-Piraterie aus China?

  • Kommt der chinesische TMB APO ?

    Vor nichts haben die Schlitz-Augen Respekt. Die neueste Kreation scheint ein "TMB"-APO werden zu
    sollen. Bei genauerem Hingucken jedoch wird man wieder an die Scopos-Exemplare erinnert.
    Zwar erheblich farbreiner, wie das Massenprodukt Scopos oder wie der "brand name" bei
    einzelnen Händlern so hieß, aber die handwerklichen Mängel sind immer noch gut sichtbar,
    wenngleich die Qualität deutlich gestiegen ist. Siehe auch hier: http://www.astro-foren.de/showthread.php?t=5177

    Der Händler bekam diesen APO zugeschickt, weil er sich auf dem Astro-Markt einen Ruf für hochwertige
    Optiken erworben hatte. Die jeweils je drei Justierschrauben im Winkel von 120° auf der Mantelfläche ver-
    raten eine Immersions-Optik mit möglicherweise 3 Linsen, den Reflexen nach zu urteilen müßten es jedoch
    vier Linsen sein. Die Fassung erinnert ein wenig an Zeiss Fassungen, die große Aufmerksamkeit auf die Druck-
    punkte der Linsen legten.






    Ein erstes Stirnrunzeln stellt sich aber ein, wenn man gegen einen Planspiegel den Sterntest (20 Micron
    Pinhole) mit verschiedenen Okularen sich die Abbildung betrachtet. Bei geringer Vergrößerung fällt eine
    Störung im Randbereich am deutlichsten ins Auge, was bei hoher Vergrößerung auf eine andere Art sichtbar
    wird. Allerdings taucht dieser Fehler im doppelten Durchgang (Autokollimation gegen einen hoch-
    genauen Planspiegel) sehr viel deutlicher auf, während im einfachen Durchgang - wie nomaler-
    weise am Himmel - lediglich ein ausgeprägtes Halo zu sehen ist. (Die übernächsten zwei Bilder)



    Die Ursache für diese merkwürdigen Beugungseffekte sind vermutlich über die Störungs-Zonen im
    Randbereich zu suchen, wie der Foucault-Test sehr deutlich zeigt. Im späteren Interferogramm wirken
    diese wie "Schluchten", die den Effekt erzeugen. Auch wird bereits bei Foucault eine Störung der
    Homogenität sichtbar, wie die atypischen Querlinien zeigen. Zugleich zeigt sich der Farblängsfehler in der
    Farbverteilung von links = blau und rechts = gelb-grün. Die vertiefte Mitte weist auf eine Überkorrektur hin,
    die sich mit dem Gaußfehler mischt. Dieses Objektivg wäre bei ca. 670 nm wave perfekt, also deutlich im
    roten Spektrum. Bereits die C-Linie = 656.3 nm wave wäre leicht überkorrigiert. Ein ganz leichter
    Astimatismus rundet die Sache ab.

    Zum Vergleich der Sterntest mit einem 9 mm orthoscop. Okular im einfachen Durchgang wie am Himmel:



    und hier nochmals der Test mit drei unterschiedlichen Vergrößerungen, aber auch hier sehr deutlich der "Halo"-
    Effekt, der sehr viel Lichtenergie außerhalb vom Maximum konzentriert.
    Hier dürfte der Strehl-Begriff versagen: Die Begriffe Peak-to-Valley, Root-means-squere und Strehl
    beziehen sich begriffsmäßig auf die Topografie der ankommenden Wellenfront und sind vergleichbar
    mit einer Landschaft mit Berg und Tal (PV) der flächenmäßigen Mittelung des PV-Fehlers im Begriff
    RMS und schließlich, daraus abgeleitet die Energie-Konzentration der Lichtenergie in der bekannten
    Kurve, bei der ein Rest der Energie über die Beugung in die Beugungs-Ringe verteilt wird. Bei
    obstruierten Systemen etwas mehr, aber auch da bleibt der Energie-Verlust durch die Beugung
    hinsichtlich PV, RMS und Strehl unberückksichtigt. Im Falle dieses Apochromaten sorgt die Störung
    im Randbereich für die sichtbare Verlagerung des Lichtes außerhalb des Maximums und stellt den
    tradionellen Strehlbegriff "scheinbar" in Frage. Doch definitionsgemäß läßt sich diese Situation mit
    der Strehlermittlung gar nicht ausdrücken, weil hier ausschließlich die Topografie der Wellenfront
    betrachtet wird und nicht irgendwelche Beugungs-Effekte.
    http://www.kurt-hopf.de/astro/strehl-links.htm
    http://www.astronews.com/frag/antworten/frage438.html



    Am deutlichsten läßt sich die Störung über Foucault und Lyot darstellen.



    Auch Ronchi zeigt bei 13 lp/mm deutlich den Sachverhalt. Auch die tendentielle Überkorrektur ist sichtbar.
    Die fast waagrechten Schlieren sind selbst im Ronchi-Test noch wahrnehmbar.



    Und im Rauhheitstest nochmals die Zone am Rand, die soviel Unfrieden stiftet.



    Die Definition am künstlichen Sternhimmel bei Pinholes von 3-5 Micron Durchmesser wäre eigentlich recht
    zufriedenstellend, wäre da nicht diese Randzone, die deutlich sichtbar die Lichtenergie in die Beugungsringe
    verschiebt. Bei hellen Objekten wird man das sofort merken, wenn man nicht gerade die Störzone
    abblendet und dann käme ein ziemlich farbreines Objektiv heraus. Weder über den PV-Begriff, noch über
    RMS läßt sich diese Energie-Verschiebung ausdrücken. Der Strehl-Begriff ist lediglich eine math.
    andere Darstellungsform.



    Bei festeingestelltem Fokus auf die C-Linie, kippen die Interferenzstreifen nach unten, woraus man die
    Schnittweiten-Differenz ableiten kann. Im vorliegenden Fall von Rot aus mit der Micron Meßuhr gemessen.
    Sehr deutlich verschiebt sich die violette g-Linie mit435.8 nm wave nach hinten und noch weiter die h-Linie
    mit 404.7 nm wave. Vom Auge fast nicht mehr wahrnehmbar. Die Randstörungen ebenfalls gut erkennbar.



    Wertet man also das optimale Interferogramm aus, dann kommt man tatsächlich in die Nähe der eingangs
    gezeigten Meßergebnisse. Dem Interferogramm wurde der Idealverlauf darübergelegt. Bei Refraktor-Optiken
    muß man unbedingt auch die Meß-Wellenlänge angeben wegen des farbabhängigen Öffnungsfehlers.



    Der vom Händler bereits erkannte Astigmatismus läßt sich also über das Interferogramm nachweisen -
    wenngleich er wirklich max. 3 Strehlpunkt beträgt.






    Der Haupt-Restfehler wäre also tatsächlich der Astigmatismus und in diesem Fall unbedeutend. Wäre die
    handwerkliche Verarbeitung besser, so hätte man mit diesem APO einen durchaus ernstzunehmenden
    Konkurrenten zu hochwertigen Objektiven. Wie lange der chinesische Hersteller noch dazu braucht, ist
    fraglich. Demnächst wird man sicher von einigen deutschen Astro-Discountern hören, wie faszinierend gut
    die "Linsen" aus China mittlerweile sind. Genauer darf man da aber dann nicht hingucken!

  • Hallo Wolfgang


    Ein interessanter Test.


    Ist es möglich das die drei (oder auch 4) Linsen nicht Deckungsgleich in der Zelle sitzen und deshalb diesen Effekt am Rand erzeugen?
    Wie sieht die Optik aus wenn der Randbereich abgeblendet wird?


    Gruss
    Chris

  • Hallo Chris,

    Ohne diese "Furche" wäre die Fläche OK. Wobei das folgende Diagramm dieses APO's aus ZEMAX leider nur
    die Theorie ist. In der Praxis wäre die Kurve für 656.3 nm wave nahezu eine Senkrechte und bei allen
    anderen Farben hätte man jeweils zum kürzeren Spektrum hin eine deutliche Überkorrektur. Aus diesem
    Grunde sind derartige Diagramme in keiner Weise ein Qualitätsmerkmal: Die Störung am Rand könnte was
    mit dem Immersions-Gel zu tun haben, ebenso die untypischen Querlinien. Die Farbreinheit hingegen ist
    beachtlich. Wenn diese Schönheitsfehler behebbar sind, wäre das durchaus eine ernstzunehmende
    Konkurrenz.